Die Grafen von Gallas

Die Grafen von Gallas in der europäischen Geschichte

General Matthias von Gallas (1588 bis 1647), der ehemalige Untergebene des Generalissimus Albrecht von Waldstein, bekam nach dem Tod des Herzogs die Herrschaften Frýdlant/Friedland, Liberec/Reichenberg, Smiřice/Smirschitz und Hoříněves/Brenndorf. Dies war ein Geschenk Kaiser Ferdinands II. als Dank für dessen Verdienste bei der Vernichtung Waldsteins. Der fremde Kriegsmann kam nach Böhmen als ein Spross der Familie di Gallasso aus Tirol. Die ältesten bekannten Vorfahren aus dem 13. Jahrhundert führten den Namen Castelli. Später haben sie sich nach der Burg des Geschlechtes Campo, die am Fuß der Alpen nahe Trient liegt, genannt. Gallasus war ursprünglich ein Vorname, erst im 16. Jahrhundert wurde er zum Name der Familie. Die Grafen von Gallas, Katholiken, bemühten sich, im Dienst am Hof – meistens im Heer – nützlich zu sein. Ihre Heimat lag an der Grenze Italiens und der österreichischen Länder. Somit konnten sie beide Sprachen – Italienisch und Deutsch. Matthias beteiligte sich an den Kämpfen in der Zeit des böhmischen Ständeaufstandes (1618–1620) auf der kaiserlichen Seite. Die Fort-setzung des Konflikts, der sich bald zum Dreißigjährigen Krieg ausweitete, trug ihm den Dienstgrad eines Obristen ein. Im Jahre 1627 wurde er in den Reichsherrenstand erhoben. Zwei Jahre später trat er in die Armee des Herzogs Waldstein ein. Nach dessen gewaltsamen Tod im Februar 1634 war er auf dem Gipfel seiner militärischen Karriere. Nach weiteren fünf Jahren erlitt er verschiedene Kriegsmisserfolge und zog sich zurück. Als Oberbefehlshaber war er noch zweimal tätig: 1643 und 1646. Nach weiteren Niederlagen starb er – gesellschaftlich anerkannt und gesundheitlich geschwächt – im April 1647. Sein Grab befindet sich in Trident/Trento.
Die Söhne des alten Generals wurden in der europäischen Geschichte nicht berühmt. Erst sein Enkel, Johann Wenzel von Gallas (1671–1719) gelangte zu einiger Berühmtheit. Er hatte die Ehre, in diplomatischen Diensten für die Habsburger als kaiserlicher Kämmerer (1694) und Reichshofrat (1703) tätig zu sein. Zur Zeit der Regierung der Kaiser Leopold I. und Josef I. war er in London und Den Haag politisch tätig (1704–1711). Seine Aufgabe war kompliziert, weil er das diplomatische Amt in England während der Kriege um die spanische Erbfolge ausübte, als auf dem österreichischen Thron drei Herrscher wechselten. Die Beziehungen zwischen den europäischen Mächten waren sehr unsicher und wechselhaft. Der Graf hatte zuerst gute Kontakte, aber durch verschiedene Intrigen seiner Kollegen war er nicht erfolgreich. Sein letzter Einsatz führte ihn nach Neapel. Als General-Kapitän und Vizekönig von Neapel in Diensten Kaiser Karls VI. in Italien starb er plötzlich und unerwartet und wurde dort auch begraben. Nur sein Herz wurde in der Gruft derer von Gallas in Haindorf beigesetzt. Johann Wenzel war ein erfahrener Politiker, Kenner der zeitgenössischen Kunst und der Baukunst. Er gab bei Johann Bernhard Fischer von Erlach einen neuen, prachtvollen barocken Palast in Auftrag, der noch in der Prager Altstadt steht. Seine Vollendung erlebte Johann Wenzel von Gallas aber schon nicht mehr.

 

Die Grafen von Gallas in Böhmen 1634 – 1759
Matthias von Gallas hatte zu seinen neuen Besitztümern keine besondere Beziehung. Seine Nachkommen haben hier erst neue Wurzeln geschlagen und die Herrschaft ausgebaut. Als ihr Vater verstarb, waren sie noch minderjährig. Nur sechs der Kinder von Matthias von Gallas erreichten das Erwachse¬nenalter. Aus ihnen ragen zwei Grafen hervor: Franz Ferdinand (1635–1697) und Anton Pankraz (1638–1695). Letzterer verkaufte im Jahre 1673 seine Güter an den älteren Bruder und zog weg. Franz Ferdinand musste in seinen Herrschaften die Probleme der Zeit lösen: die Folgen des Dreißigjährigen Krieges, die Streitigkeiten mit den Friedländern um die Braurechte, die „Rebellion“ seiner Untertanen in den 80er Jahren. Der gebildete Adelige begann die Schlossbibliothek zu errichten. Hier wurden juristische, theologische, naturwissenschaftliche und historische Werke gesammelt. Berühmt machte Franz Ferdinand seine außergewöhnliche Unterstützung der marianischen Wallfahrt in Haindorf. Er wurde als erster derer von Gallas in der Familiengruft beigesetzt.
Die Witwe Franz Ferdinands, Johanna Emerentiana, kümmerte sich für den abwesenden Sohn Johann Wen¬zel um die böhmischen Güter. Dessen Sohn aus der ersten Ehe, Philipp Joseph, gab sie eine gute Erziehung. Er war der letzte von Gallas in Böhmen. Allerdings erlangte er keine so hohen Würden und keine so große Berühmtheit wie sein Vater, der als kaiserlicher Diplomat an den europäischen Höfen tätig war. Die gute wirtschaftliche und finanzielle Situation, welche die sparsame und sorgsame Großmutter geschaffen hatte, ermöglichte es Phi¬lipp Joseph, die Herrschaft Lämberg zu kaufen (1726). Damit wurde für die nächsten fast 220 Jahre eine gemeinsame Herrschaft geformt, deren Verwaltungssitze die Schlösser Reichenberg, Friedland, Grafenstein und Lämberg waren. Philipp Joseph von Gallas erreichte eine gute Stellung und wichti-ge Ämter am Hofe Kaiser Karls VI. in Wien, später auch bei seiner Nachfolgerin Maria Theresia. Sie selbst wurde von Philipp Joseph auf seinem Schloss Klecany/Groß Kletzen bei Prag bewirtet. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens wurde er der höchste Hofmeister des Königreichs Böhmen. Als im Jahre 1757 die Preußen in Böhmen wieder einmarschierten, bemühte sich Philipp Joseph, in die Sicherheit der österreichischen Stadt Linz fliehen. Auf dem Wege dorthin, in České Budějovice/Budweis, ist er am 23. Mai desselben Jahres verstorben. Seine Witwe Anna Marie und gleichzeitige einzige Erbin, starb zwei Jahre danach. Die Güter der Grafen von Gallas sollte der Neffe, Christian Philipp, erben. Die Bedingung im letzten Willen des letzten von Gallas war, dass sich die Wappenhälften sowie die Namen zusammenfügen. Das neue Wappen und den neuen Namen bestätigte Königin Maria Theresia im August 1768. Die Familie von Clam-Gallas blieb in der europäischen Geschichte bis zum Jahre 1930 in der männlichen und bis 1975 in der weiblichen Linie vertreten.

 

Text: Milan Svoboda