Franz Graf von Clam-Gallas - 85. Todestag

 

Der Anwesende Abwesende“:

Franz Clam-Gallas in Wirklichkeit, Erinnerung und Geschichte

Dr. Milan Svoboda

 

Lassen wir uns vom Glauben an die Macht des Schicksals leiten? Tun wir recht und scheuen niemand?
Glauben wir an die Fähigkeit, wirksam Hilfe leisten zu können, ohne dafür einen Lohn zu empfangen?
Können wir auf unsere Bequemlichkeit zugunsten eines Unbekannten verzichten?
Was von uns wird in Erinnerung bleiben und wird hier überdauern?

Vor 85 Jahre endete in dieser Stadt und in ihrer schönen Barockkirche der Lebensweg eines Mannes, der als Adeliger geboren war, indes verstarb als ein einfacher Bürger. Es geleitete ihn hierher seine Familie, die fünfzehn Jahre danach ihre nordböhmische Heimat für Jahrzehnte verlassen musste. Es kamen hierher Menschen dieser Gegend, um jenem zu danken, dessen freigebige Hand sie im Elend kennen gelernt hatten und der ohne Aufsehen aus der Not geholfen hatte; Menschen, die hier ihre Arbeit gefunden hatten, oft in den Waldungen des Isergebirges, die ihr Verwalter mehr denn als Inhaber so sehr liebte.
Die dicht besetzte Kirche Ende Jänner verwies auf den Edelmut jenes Mannes, der durch das Zusammentreffen der historischen Umstände der letzte Träger des Titels „Graf“ und auch seines adeligen Geschlechtes wurde, das dieses Gebiet und seine Bewohner über fünf Generationen hinweg mit Wohlwollen geleitet hatte. Im zwanzigsten Jahrhundert gingen die von Clam-Gallas vom irdischen ins historische Leben hinüber: Witwe Marie starb acht Jahre nach ihrem Gatten. Die letzte Trägerin des Namens, die einzige ledige Tochter Clotilde, verstarb im Jahre 1975.
Der 23. Jänner 1930 wurde für dieses Gebiet zu einem besonders ereignisreichen Tag, den Trauer, aber auch Freude, Befürchtungen und Hoffnungen erfüllten. Schwere Stunden erlebten sieben Töchter samt ihren Familien und ihre Mutter, die gemeinsam mit ihrem „Franzi“ fast ein halbes Jahrhundert erlebt hatte. Nicht nur aufbewahrte Fotos zeugen davon, dass die Ehe glücklich war. Bedrückt fühlten sich Verwandte und Freunde, die einen Ehrenmann verloren hatten, auf den sie sich immer verlassen konnten. Traurig waren auch die Angestellten der ehemaligen Clam-Gallasschen Güter, deren größeren Teil nach dem Jahre 1918 die junge Tschechoslowakei sich aneignete. Alle wussten, dass eine Zeit der Veränderungen gekommen war. Obwohl sie ihr weiteres Schicksal noch nicht ahnten, stiegen in ihnen Befürchtungen auf. Alle Hinterbliebenen konnten aber auch Freude darüber empfinden, dass sie das Glück gehabt hatten, Franz Clam-Gallas als einen verantwortungsvollen, bescheidenen, mitfühlenden und liebenden Menschen kennen gelernt zu haben, einen Mann, der für das praktische Leben nicht nur die dazu passende Bildung, aber vor allem ein beispielhaftes Familienleben genossen hatte. Eine folgerichtige Erziehung übertrug ihm ein deutliches geistiges Erbe, nämlich das Bewusstsein, dass es nötig ist, an seine Nächsten mehr als an sich selbst zu denken, dass das Glück nicht von selbst entsteht, durch Eigenliebe, sondern durch die uneigennützige Fürsorge gegenüber den Mitmenschen, und auch dadurch, dass man Hilfe nicht in barer Münze, sondern nach Taten bewertet.

Als der Reichenberger Erzdechant Gustav Buder von dieser Kanzel eine Lobrede auf den Verewigten vortrug, erwähnte er seinen Hauptcharakterzug: Herzensgüte, Freundlichkeit. Er dankte ihm für seine Fürsorge um Kirchen im Friedländischen und Reichenbergischen sowie für seine Wohltaten, die er den hiesigen Einwohnern in Friedens- und Kriegszeiten erwiesen hat. Es war nicht angebracht öffentlich zu sagen, welch hohe Summen Graf Clam-Gallas Einzelmenschen, verschiedenen Vereinen und Institutionen geschenkt hatte, deren Mitglied er war; so wäre eine solche Aufzählung voller Überraschungen, möglicherweise erschütternder Enthüllungen gewesen, und heute wäre sie es wohl auch. Den guten Willen und den Beitrag des gebürtigen Reichenbergers würdigte auch der Magistrat, der ihm zu seinem sechzigjährigen Geburtstag die Ehrenbürgerschaft der Stadt Reichenberg „in Anerkennung seiner Widmungen, jährlichen Unterstützungen der Wohlfahrtseinrichtungen, der Überlassung von Schloß- und Landbesitz für die Ferienheime und der Erschließung seiner waldreichen Besitzungen für Wanderung und Sport“ verlieh. Keine weltlichen Ehrungen wurden hier, in der Kirche, vor fünfundachtzig Jahre erwähnt. Vermutlich auch deswegen, weil es sich damals nicht schickte, geleistete Hilfe und gute Taten besonders hervorzuheben. Das wäre nämlich ein Benehmen gewesen, das an Hochmut angrenzen hätte können. Und der ist, wie bekannt, eine der Todsünden.

Franz Clam-Gallas war sachlich, knapp und treffend auch in seinem letzten Willen und in gleichem Maße war kurz, aber trefflich war Prälat Buders Ansprache, der diesen Wohltäter bestattete. Beide wussten offensichtlich, dass die Kraft der Worte nicht in ihrer Menge, sondern in ihrer Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ruht. Deswegen auch gebietet es sich, meine Ansprache nun zu schließen. Die Erinnerung an den Mann, der über diese Erde schon 85 Jahre nicht mehr geht, aber dessen Anwesenheit manchmal bis heute noch in den Taten sichtbar ist, bringt uns, Sterblichen, Freude darüber, dass der Abwesende immer Anwesender sein wird. Wenn sehen wir auf Franz Clam-Gallas im Abstand von fast ein Hundert Jahren blicken, kommen wir zu einer scheinbar einfachen Feststellung:
Sein erfülltes Leben war wert- und sinnvoll. Mögen auch unsere Leben so sein!
Ich danke für Ihre Anwesenheit!


Haindorf, Kirche Maria Heimsuchung am 25. Jänner 2015